Geburt von Pius

01.01.2023, 5:45 Uhr: Die letzte Silvester-Rakete dieser Neujahrs-Nacht weckt mich mit einem lauten Knall. Ich bin genervt, denn die Nacht war durch das Geböller sowieso schon nicht sehr erholsam. Unmittelbar nachdem ich die Augen öffne, zieht es leicht in meinem Unterleib. Die Geburtsreise beginnt. Das weiß ich in diesem Moment aber noch nicht, denn in den letzten zwei Wochen gab es immer wieder Tage, in denen es sich genauso angefühlt hat und die Wellen danach wieder aufhörten.

Deshalb bin ich mir auch heute sicher: Fehl-Alarm! Nur mal wieder ne
Übungswelle. Wie schon gefühlte 100 Mal zuvor. Als ich bereits vor Weihnachten das erste Mal eine leichte Kontraktion gespürt hatte, war ich so voller Vorfreude und sicher: Jetzt geht es los! Mittlerweile kenne ich das Gefühl zu gut und bin nicht mehr sehr beeindruckt, wenn sich mein Uterus zusammenzieht, was seitdem täglich mehrfach der Fall ist.

Mein Körper schwingt sich zwar auf die Geburt ein, da bin ich mir sicher, denn ich habe zwei Tage zuvor am offiziellen ET einen Teil des Schleimpfropfes verloren. Aber an Geburt denke ich an diesem Morgen trotzdem nicht.

Ich bleibe liegen und döse nochmal weg. 45 Minuten später ein erneutes Ziehen. „Jaja, kontrahier du nur und übe schon mal für die echte Geburt“, rede ich innerlich mit meiner Gebärmutter und stehe anschließend auf, um mit meinem Mann Max und meinem kleinen Sohn zu frühstücken. Eine Stunde später die nächste sanfte Welle.

Ich schreibe kurz mit meiner Hebamme Ute wie jeden Tag seit ET. Wenn die Wellen häufiger werden, soll ich mich melden, schreibt sie zurück.

Für den Nachmittag sind wir eigentlich mit Freunden verabredet, aber mir ist eher nach Rückzug als nach Gesellschaft. Im Nachhinein denke ich mir: Wow, dein Körper wusste in diesem Moment schon ganz klar, dass er sich in seine geschützte Höhle zurückziehen möchte, auch wenn ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht wusste warum eigentlich.

Ich sage Max, dass ich mich nochmal hinlege, um etwas Schlaf nachzuholen. Im Kinderzimmer lasse ich die Rollos runter und kuschle mich in mein altes
Kinderbett von früher, das immer noch hier steht. Schön ist es hier, so
vertraut. Ich muss innerlich schmunzeln: Meinen Kursmädels erzähle ich immer von der inneren Höhle, in die sie sich zurückziehen sollen, wenn die Geburt startet. Ich hab nun heute sogar im Außen meine ganz persönliche Höhle zwischen einer Lego-Eisenbahn, einem Spielzeug-Bagger und Kuscheltieren gefunden.

Da ich weiß, dass ich viel leichter einschlafen kann, wenn ich in Hypnose gehe, beame ich mich über meinen bekannten Weg in einen Trance-Zustand und reise an meinen inneren Kraftort. Ein einsamer und wunderschöner Sandstrand mit zerklüfteten Felsen und Kakteen in Mexiko, den ich vor Jahren auf meiner Weltreise kennengelernt habe. Der Himmel ist strahlend blau und es kreisen ein paar kreischende Möwen über mir. Das Geräusch der Meereswellen, die an den Strand rauschen, beruhigt mich sofort. Alles hier ist vertraut.

Und so verbringe ich die nächsten Stunden an diesem Ort ohne dass ich hinterher weiß, ob ich überhaupt wirklich geschlafen habe. Ich bin ganz in meiner eigenen Welt und bemerke immer mal wieder ein Ziehen in meinem Unterleib, das aber völlig ohne Anstrengung irgendwo weit weg im Hintergrund abläuft.

Erst als sich am Nachmittag meine Männer verabschieden, um alleine zu unseren Freunden zu fahren, tauche ich wieder aus der Trance auf. Ich bin das erste Mal seit Stunden hellwach und erstaunt, dass es schon so spät ist.

Als die beiden weg sind, stehe ich auf, stelle mich an die Terrassentür und
schaue hinaus. Die Welt steht still da und die Sonne versinkt das erste Mal in diesem neuen Jahr am klaren, blauen Winterhimmel. Dieser Anblick wirkt so friedlich wie selten zuvor. Ein ganz besonderer Zauber liegt in der Luft, es ist die Magie des Neubeginns. Noch weiß ich nicht, dass es unser ganz persönlicher Neubeginn ist. Die Ruhe der Welt färbt auf mich ab und ich werde innerlich ganz still. Ein tiefes Gefühl des Friedens durchströmt mich. Dieser Moment ist heilig.

Zurück in meiner Höhle tracke ich eine Zeit lang die Wellen und stelle fest: Sie kommen relativ regelmäßig alle 30 Minuten. Sie sind aber weder schmerzhaft, noch in irgendeiner Form anstrengend. Ich reise wieder an meinen Kraftort und erst am Abend tauche ich wieder aus meiner inneren Welt auf. Mittlerweile habe ich bereits seit Längerem kein Ziehen mehr im Unterleib bemerkt und ich denke: Das war’s für heute, es geht dann sicher erst wieder morgen weiter. Der Gedanke, dass die Geburt wohl doch nicht startet, stresst mich null. Im Gegenteil: Ich freue mich über den entspannten und wunderschönen Tag, den ich an meinem Kraftort hatte und esse mit meinen Männern zu Abend. Danach tanze ich mit meinem Sohn wild und losgelöst durch’s Wohnzimmer und wir haben noch so viel Spaß
miteinander.

Max bringt ihn gegen 20:30 Uhr ins Bett und ziemlich zeitgleich spüre ich eine Welle, die deutlich intensiver ist als jene, die ich tagsüber gespürt habe. Also doch noch heute? Nö, sicher nicht. Ich hatte mir doch immer gewünscht, dass der Mini-Zwerg sich nicht den 01.01. aussucht, damit sein ganz besonderer Tag auch später mal in der Silvester-Feierei nicht so untergeht.

10 Minuten später die nächste Welle. Ok, also doch der 01.01.? Ich sage meinem Mann in der Einschlafbegleitung Bescheid, dass da jetzt irgendwie grad ne Regelmäßigkeit reinkommt. Er soll sich mal lieber schlafen legen, damit wenigstens einer von uns beiden ausgeruht ist, sollte es jetzt wirklich losgehen.

Dann ziehe ich mich zurück in meine Kinderzimmer-Höhle und gehe das erste Mal überhaupt mit meiner eigenen Geburts-Hypnose in Trance. Eine meiner
Kursteilnehmerinnen hatte mich auf die Idee gebracht, doch mal selbst unter
Geburt zu testen, ob und wie ich mit der Geburts-Hypnose zurechtkomme. Ich hatte vorher immer Bedenken, dass es mich irritieren könnte, meine eigene Stimme zu hören. Aber es stellt sich schnell heraus, dass es für mich sogar sehr gut funktioniert. Ich sinke direkt in Hypnose und lasse mich von meiner eigenen Stimme an meinen Kraftort leiten.

An meinem vertrauten Strand ist es mittlerweile Abend geworden. Ich gehe ans Wasser und betrachte den endlosen Ozean in all seinen Farbnuancen, die der orangefarbene Abend-Himmel spiegelt. Er taucht die Umgebung in ein warmes Licht, das mich innerlich direkt zur Ruhe kommen lässt. Ich schließe meine Augen und spüre eine leichte Meeresbrise, die über mein Gesicht und durch meine Haare streift. Das Wasser umspült meine Füße. In diesem Moment weiß ich intuitiv das erste Mal ganz sicher: Mein Baby ist auf dem Weg.

Ein stilles Glücksgefühl durchflutet mich. „Oh wie unendlich ich mich auf dich freue“, sage ich innerlich zu meinem Baby und visualisiere wie es mich mit seinem sonnigen Blick anlächelt. Neues Leben ist auf dem Weg, dieser Gedanke rührt mich zu Tränen.

Dann drehe ich mich um und entdecke meine bekannte Lagerfeuer-Stelle, in der ein kleines Feuer lodert und knistert. Und da sehe ich sie zum ersten Mal. Zwei Frauen sitzen um das Feuer herum im Sand. Ich weiß sofort: Das sind meine Mama und eine meiner Großmütter, die es im realen Leben beide nicht mehr gibt. Aber hier sitzen sie vor mir, quicklebendig und etwa in dem Alter, in dem ich jetzt gerade bin.

Puh, mir verschlägt es die Sprache. Damit habe ich nicht gerechnet und sie waren auch noch nie zuvor hier, wenn ich während der letzten Wochen meinen Kraftort besucht habe. Mein Unterbewusstsein ist doch ein unglaublicher Regisseur, denke ich in dem Moment. Das könnte man sich für den besten Hollywood-Film nicht besser ausdenken.

Meine geliebte Oma, die in ihrem jungen Körper so wunderschön aussieht, sagt: „Wir sind heute hergekommen, um dir unsere Geburtskraft mitzugeben. Denn was wir vor langer Zeit geschafft haben, schaffst du auch!“ Ein paar echte Tränen laufen mir übers Gesicht. Wow, denke ich nur! Diese zwei starken Frauen, die ich oft so unfassbar vermisse und die in so vielerlei Hinsicht meine großen Vorbilder sind, sind heute meine Unterstützung. Ich habe in den nächsten Stunden ihre geballte weibliche Kraft im Rücken. Dieser Gedanke alleine gibt mir ein Gefühl der Unsterblichkeit. Ich weiß, ich kann in ihrer Anwesenheit alles schaffen. Danach sprechen wir nicht mehr, aber es bedarf auch keiner Worte. Ihre Blicke sind voll tiefer Liebe und einer Energie, die tief drin spürbar ist.

Die nächste Welle rollt an und ich konzentriere mich auf die drei Bausteine der Geburtsformel. Ich habe diese Dinge so oft geübt, dass mein Körper sie jetzt ganz automatisch ablaufen lässt ohne dass ich mich in irgendeiner Weise anstrengen oder meinen Kopf dazu einschalten muss. Alles läuft auf Autopilot. Außerdem habe ich intuitiv das Gefühl, mich während einer Welle bewegen zu müssen. Deshalb schaukle ich mein Becken im Liegen sanft hin- und her – diese Bewegung begleitet mich irgendwann ganz von selbst für die nächsten Stunden.

Zwischen den Wellen stehe ich am Wasser, sitze am Feuer oder entspanne im kühlen Sand dieser lauen mexikanischen Sommernacht. Ich tausche zwischendurch immer mal wieder vertraute Blicke mit meinen beiden Unterstützerinnen aus. Sie sind eine unfassbar wertvolle Kraftquelle in dieser Nacht, denn die Wellen werden jetzt innerhalb kurzer Zeit sehr viel intensiver.

Wenn wieder eine Welle anrollt: Tiefe Bauchatmung und Fokus auf mein visuelles Detail, mit dem ich auch in den Wochen vorab geübt habe. Ich merke schon jetzt: Dieser Fokus macht heute den großen Unterschied. Bei meiner ersten Geburt war ich auch dauerhaft in Hypnose, aber ich habe während einer Welle nur geatmet und mir vorgestellt wie sich alles in meinem Körper öffnet und weich wird. Diesmal habe ich vorab mit echten Schmerzreizen geübt, die ich dann in der Hypnose „ausschalten“ konnte, indem ich mich auf ein visuelles und fühlbares Detail an meinem Kraftort fokussiert habe.

Dieser Fokus fühlt sich jetzt an wie ein Anker an dem ich mich während einer hohen Welle auf stürmischer See festhalten kann. Trotz der deutlich steigenden Intensität kann ich gut mit den Wellen umgehen. Ich fühle keinen Schmerz, nur ein starkes Ziehen, da mich der Fokus auf mein inneres Detail in Hypnose so sehr ablenkt. Kein Vergleich zur ersten Geburt, in der ich richtig hart arbeiten musste, um während einer starken Welle in Hypnose zu bleiben. Diesmal fühlt es sich auch wie Arbeit an, aber im Vergleich so federleicht und unbeschwert.

Ich verliere mich in Raum und Zeit und surfe mit einer Leichtigkeit auf den
hohen Wellen als hätte ich noch nie etwas anderes getan. Entspannung, Atmung, Fokus. Ich merke zwar, dass die Wellenpausen kürzer werden, trotzdem fühle ich mich freudig losgelöst und tief entspannt. Es hilft mir so sehr, die kraftspendende Unterstützung meiner Mama und Oma in meinem Rücken zu wissen. Der Gedanke, dass sie heute da sind, beschert mir immer wieder eine Gänsehaut.

Als ich irgendwann bemerke, dass ich zur Toilette muss, tauche ich aus der
Trance auf und tracke einige Wellen, um eine Orientierung zu bekommen: Sie
kommen im Abstand von 4-5 Minuten. Im Nachhinein denke ich mir oft: Halleluja, bei 4-5 Minuten Abstand ruft man während einer Zweitgeburt doch die Hebamme. Aber auf diesen Gedanken komme ich zu diesem Zeitpunkt nicht, da ich mir sicher bin, dass es noch bis zum nächsten Morgen oder Mittag dauern wird. Mir geht es schließlich wunderbar und alles fühlt sich so leicht an. Als ich mich während meiner ersten Geburt so fühlte, dauerte es trotzdem noch einen halben Tag bis mein Sohn da war. Ich bin mir also sicher, dass wir noch viel Zeit haben.

Mittlerweile ist es 23 Uhr. Ich habe jetzt Lust auf warmes Wasser am Rücken, also wecke ich meinen Mann, damit er mal langsam den Pool im Wohnzimmer aufbaut. Außerdem rufe ich unsere Geburtsfotografin Kristin an, denn sie hat zwei Stunden Anfahrt und ich möchte sie nicht mitten in der Nacht wecken. Ich sage zu ihr am Telefon: „Du kannst dich ja langsam mal auf den Weg machen und dich dann bei uns noch ein paar Stunden hinlegen.“ Im Rückblick muss ich darüber lachen, denn sie kam letztlich exakt 20 Minuten vor der Geburt bei uns an. Max fragt, ob er meine Hebamme rufen soll. „Nö“, sage ich. „Wir haben noch Zeit.“

Ich setze mir wieder Kopfhörer auf und beame mich über meinen bekannten Weg an meinen Kraftort. Die Wellen nehme ich hier deutlich milder wahr im Vergleich zu den 2-3 Wellen, die anrollten als ich kurz zuvor im hellwachen Zustand telefonierte und mit meinem Mann redete. Ohne Hypnose waren sie deutlich schmerzhaft. Ich musste mich richtig konzentrieren, um korrekt zu atmen und die Wellenspitzen gut durchzustehen.

Jetzt am Kraftort fühlt sich alles wieder leicht an. Auch hier bemerke ich zwar mittlerweile während jeder Kontraktion ein starkes Ziehen am Muttermund, aber die Schmerzen sind weg und ich kann mich während der langen und kraftvollen Wellen wieder an meinem inneren „Anker“ festhalten, was das Ganze unfassbar
erleichtert.

Ich nehme nun nichts mehr um mich herum wahr und gebe mich komplett dem Rhythmus der Wellen hin. Meinen Körper lasse ich einfach machen und unterstütze ihn lediglich mit der richtigen Atmung, dem richtigen Fokus, intuitiver Bewegung und maximaler Entspannung. Während jeder Welle lasse ich außerdem ganz bewusst meinen Kiefer locker, damit sich auch der Muttermund geschmeidig öffnen kann. Ich fühle mich als würde ich schwerelos im All treiben und stelle mir vor, alles in mir ist weich, so als würde ich schmelzen. Die Wellen fahren durch mich hindurch und ich bin erstaunt, dass ich dabei null Anspannung in mir wahrnehme.

Zwischendurch spreche ich immer wieder innerlich mit meinem Sohn und sage ihm wie toll er das macht und wie stolz ich auf ihn bin. Ich visualisiere ihn und sehe, dass er bereits in Startposition liegt. Er sagt, dass er langsam genug hat und nur darauf wartet, dass er endlich zu mir darf. Ich muss lachen. Hat er diese Ungeduld von mir? „Nicht mehr lange, mein Schatz! Bald haben wir es geschafft“, motiviere ich ihn.

Kurz darauf werde ich von der leicht gestressten Stimme meines Mannes aus der Trance gerissen: „Es kommt nur kaltes Wasser aus der Leitung!“

Ich öffne meine Augen und muss mich kurz sortieren, um in der Realität
anzukommen. „Wieso kaltes Wasser?“ frage ich. Dann kommt mir siedend heiß, dass unser Boiler nachts abschaltet. „Und das in einer Heizung-Sanitär-Firma“, sage ich lachend zu meinem Mann. Denn meine Familie betreibt in vierter Generation besagte Firma im selben Gebäude. Er findet das nur semi-lustig. „Was soll ich jetzt machen?“ fragt er mich mit einem hilflosen Blick. „Hol alle großen Töpfe, die du finden kannst und mach Wasser darin heiß“. Gesagt, getan.

Und urplötzlich rollt die nächste Welle an und lässt mich unter einem unerwartet starken Schmerzgefühl zusammensinken. „Was ist das denn jetzt?“, jammere ich mit schmerzerfülltem Gesicht. Ich bleibe direkt im Wohnzimmer und lege mich dort auf’s Kanapee am warmen Kachelofen. Dann stecke ich mir sofort wieder die Stöpsel ins Ohr und versinke in der Hypnose, denn diese gefühlt haushohe Welle war mir nun doch zu krass.

Ich muss mich jetzt richtig konzentrieren, um mich während der Wellen an meinem Anker festzuhalten, komme aber wieder viel besser damit zurecht seit ich in Hypnose bin. Irgendwann höre ich im Halbschlaf wie unsere Wohnzimmertür aufgeht und die beiden Hebammen hereinkommen. Es ist 0:38 Uhr.

Sie sind zu zweit, da Hebamme Magdalena, die kürzlich mit in die Praxis
eingestiegen ist, erst seit 01.01. versichert ist. Ich habe also heute eine
Luxus-2:1-Betreuung – Jackpot – und sie mit mir ihre erste Hausgeburt. Ich nehme die Stöpsel aus dem Ohr. „Was macht ihr denn schon hier?“, frage ich erstaunt. Es stellt sich heraus: Mein Mann hat Ute angerufen, ohne mir Bescheid zu geben, da er fand, ich atme irgendwie anders. Kluger Mann, denke ich. Wenigstens einer von uns beiden, der noch sinnvolle Dinge tut.

Wie es mir geht, fragen die beiden. Ich berichte, dass die Wellenpausen zwar schon recht kurz sind, ich aber bisher erstaunlich gut zurechtkomme. Dann rollt die nächste Welle an, um mir das Gegenteil zu beweisen und ich krümme mich schmerzerfüllt auf dem Kanapee zusammen. „So wie du dich anhörst, dauert es nicht mehr lange“, sagt Ute. Insgeheim bin ich mir aber sicher, dass ich noch ewig Zeit habe, denn in der Hypnose war bisher ja alles so leicht. Deshalb gehe ich, nachdem Ute kurz die Herztöne abgehört hat, wieder in Trance, wo es mir direkt um Welten besser geht. Um 0:55 Uhr bekomme ich am Rande mit wie auch unsere Geburtsfotografin Kristin zu uns stößt.

Ich rede kurz mit ihr und bin deshalb wieder hellwach. Als kurz darauf die
nächste Welle, die eher einem Tsunami gleicht, über mich hereinbricht, kommt mir plötzlich der Gedanke: /Bei deiner ersten Geburt war es doch auch so. Erst als du in der Übergangsphase aus der Trance gefallen bist, hast du deutliche Schmerzen wahrgenommen. Und jetzt gerade ist es genau dasselbe Gefühl, sobald du aus deiner inneren Welt auftauchst und hellwach im Außen bist./ Ok, also zurück in die Hypnose. Doch soweit komme ich nicht. Der Tsunami überflutet mich ein weiteres Mal. „Huiuiui“, sage ich. „Das ist jetzt echt ein bisschen krass.“

Dann merke ich, ich muss zur Toilette. Auf dem Klo sitzend bricht die nächste Welle über mich herein. Sie ist viel weniger schmerzhaft, aber dafür habe ich plötzlich das Gefühl, irgendwas schiebt nach unten. Wie? Was? Jetzt schon? Ich laufe zurück und sage: „Ich hatte gerade das Gefühl, ich müsste mitschieben“. Noch während ich das sage, rollt die nächste Presswelle heran. Ich schmeiße mich instinktiv im Vierfüßler auf’s Kanapee und kann mich nicht dagegen wehren, laut zu tönen. „Ja, der kommt jetzt“, sagt Ute in ihrer stoischen Ruhe. „Wie, der kommt jetzt?“, fragt Max mit aufgerissenen Augen merklich schockiert.

Auch ich selbst kann es gerade nicht so richtig fassen und bin etwas
überrumpelt. Gefühlt dauert die Geburt doch noch gar nicht lange. /Kleine
Anmerkung: Erst am nächsten Tag checke ich im Rückblick, dass es mit der
Latenzphase um 6 Uhr morgens losging. Von kurz kann also nicht die Rede sein. Aber es fühlte sich für mich so schnell an, weil ich erst ab 21 Uhr so richtig das Gefühl von Geburt hatte. Ab diesem Zeitpunkt kamen die Wellen regelmäßig alle 10 Minuten und es dauerte nur noch vier Stunden. Nur diese vier Stunden habe ich bewusst als Geburt wahrgenommen und bis auf die letzten Meter war diese Zeit für mich einfach nur wunderschön, schmerzfrei und kaum anstrengend, weil ich größtenteils in Hypnose war./

„Los, hol das heiße Wasser“, befehle ich meinem Mann unsanft. Schließlich hatte ich mir schon bei Kind Nr. 1 eine Wassergeburt gewünscht und es dann aber nicht mehr von der Couch weggeschafft. Deshalb will ich diesmal umso mehr in den Pool.

Es ist jetzt 1:05 Uhr. Ich klettere über den Beckenrand ins immer noch mehr
kalte als lauwarme Wasser und begebe mich instinktiv in den Vierfüßler-Stand. Hui, sehr erfrischend! Aber schon kurz darauf gießt jemand noch mehr heißes Wasser aus den großen Töpfen hinter mir in den Pool und eine wohlige Wärme schlängelt sich an meinem Rücken entlang. Ich versuche noch, mir wieder die Kopfhörer ins Ohr zu stecken, aber dazu komme ich nicht mehr.

Mit der nächsten Presswelle packe ich die Arme meines Mannes, weil ich etwas brauche, worin sich die mächtige Kraft der Wellen entladen kann, die jetzt meinen Körper durchfährt. Ich röhre aus den Urtiefen meines Seins. Nicht vor Schmerzen, sondern weil diese beeindruckenden Geburtskräfte unglaublich überwältigend sind und gefühlt über irgendein Ventil entladen werden müssen. Nicht ich gebäre mein Kind, sondern mein Körper übernimmt jetzt komplett. Ich lasse ihn gewähren und beobachte einfach nur völlig ehrfürchtig das Schauspiel, das hier gerade zugange ist. Mein Körper vollzieht gerade zum zweiten Mal die größte Meisterleistung seines Lebens und ich darf live dabei sein.

Zutiefst dankbar, Zeuge dieses Natur-Schauspiels sein zu dürfen, versuche ich jeden kostbaren Moment davon aufzusaugen und tief drin abzuspeichern. Ich genieße diese letzte Phase der Geburt mit jeder Faser und bin unendlich
fasziniert wie die Natur mich mit allem ausgestattet hat was es braucht, um ein Kind zur Welt zu bringen. Wie krass ist das bitte? Mein Körper weiß in jeder Milli-Sekunde ganz genau was er zu tun hat. Er spielt ein Ur-Programm ab, das seit Jahrmillionen bis ins letzte Detail perfektioniert wurde. Ich muss dazu einfach nur meinen Verstand ausschalten, vertrauen, loslassen und surrendern. Meinen Körper einfach machen lassen und mich komplett diesem Wunderwerk hingeben. Danke mother nature, danke Universum, dass ich das hier gerade erleben darf.

Ich spüre wie mein Baby mit der nächsten Welle tiefer kommt und atme
währenddessen ganz bewusst durch die Wellenkraft hindurch ohne die Luft
anzuhalten. Währenddessen schiebt mein Körper das kleine Wunderwesen ganz
automatisch aus mir heraus. Ich taste mit der Hand und spüre nun zum ersten Mal das Köpfchen meines Sohnes – wie bereits während meiner ersten Geburt einer der faszinierendsten und schönsten Momente meines bisherigen Lebens. „Wir haben es gleich geschafft“, sage ich ihm innerlich. „Du machst das ganz wundervoll“.

Beim Tasten des Köpfchens bemerke ich ein weiches Polster, das ihn umgibt.
Scheinbar ist die Fruchtblase noch intakt. Ich nehme Details wie diese heute viel bewusster wahr als bei der ersten Geburt und bin hellwach, obwohl ich gleichzeitig ganz bei mir und tief konzentriert bin. Als mein Körper mit der nächsten Welle das Köpfchen herausschiebt, macht es „knack“ und die Fruchtblase platzt. Wow, ich liebe einfach jede Sekunde dieser Geburt!

Mit der nächsten Welle schiebe ich mit, denn ich weiß, dass jetzt das Köpfchen geboren wird. Das Dehnungsgefühl, durch das ich ruhig hindurchatme, ist stark, aber ich spüre keinen Schmerz. Ich weiß direkt: Auch diesmal habe ich keine Geburtsverletzungen, was auch meine Hebamme Ute später bestätigt.

Die Wellen, die jetzt durch meinen Körper fahren, um mein Baby zu mir zu
bringen, sind gewaltig. In diesem Moment weiß ich warum alle im Kontext von
Geburt immer von Urkraft sprechen. Ich bin nicht gläubig im klassischen Sinne, aber diese Kraft von Mutter Natur hat für mich in diesem Moment etwas Heiliges.

Ich schaue nach unten und sehe das erste Mal meinen Sohn. Als wüsste mein
Körper, dass ich einen Moment brauche, um gedanklich fassen zu können was hier gerade in einer unerwarteten Geschwindigkeit passiert, lässt er mir jetzt eine kurze Pause. Ich bekomme Zeit mein Baby anzuschauen und zu realisieren: Du hast ein Menschenkind erschaffen und gleich darfst du es endlich in deinen Armen halten.

Meine Gedanken werden von einer Urgewalt durchbrochen, die die letzte
heranrollende Presswelle mit sich bringt. Ich spüre wie mein Sohn sich in mir dreht, damit die Schulter durch das Becken passt. Mit einem letzten kräftigen Schieben flutscht der zarte Körper ins Wasser. Da ist er. Mein Sohn. Ein kompletter kleiner Mensch, perfekt bis ins letzte Detail. Ich betrachte ihn unter Wasser das erste Mal in meinem Leben und die Welt steht für einen kurzen Moment still.

Ich hebe den zerbrechlichen kleinen Körper aus dem Wasser an meine Brust und werde von meinen Gefühlen überwältigt. Tränen des Glücks laufen über mein Gesicht und auch hinter mir höre ich ein leises Schluchzen. Max kniet vor dem Pool und betrachtet im Halbdunkel dieser Zaubernacht das erste Mal seinen Sohn. Ein magischer Moment, den wir beide für immer in unseren Herzen abspeichern.

Ute und Magdalena bringen Handtücher, um den Mini-Zwerg an meiner Brust warm einzupacken und so verbringen wir die nächsten Minuten im Pool, um fasziniert und überwältigt dieses winzige Wunderwesen zu bestaunen.

„Wie schnell ging das denn jetzt?“, sage ich zu meinen Hebammen, noch völlig berauscht von diesem wahnsinns Erlebnis. Ich bin immer noch etwas überrumpelt wie urplötzlich die letzte Phase der Geburt startete. Kurz zuvor hatte ich noch das Gefühl, es würde sicher noch mehrere Stunden dauern, weil sich in der Hypnose alles so einfach und unkompliziert anfühlte. Und dann wurde mein Sohn mit 5 Presswellen innerhalb von 12 Minuten geboren. Ich bin geflasht. Wie wunderschön war diese Geburt bitteschön?

Ich frage nach der Uhrzeit, denn ich war die letzten Stunden außerhalb von Raum und Zeit unterwegs. „Um 1:18 Uhr war er da“, sagt Ute. „Also haben wir schon den 02.01.?“. Sie erwidert: „Ja, er hat deinen Wunsch gehört und sich nicht den 01.01. ausgesucht.“ Ich freue mich wie eine Schneekönigin und bedanke mich beim kleinen Mann.

Irgendwann wird das Wasser doch frisch und wir werden vom Pool auf’s Kanapee am warmen Kachelofen umgelagert. In Decken gehüllt kuscheln wir uns aneinander und aus tiefschwarzen Augen blickt mich mein Sohn das erste Mal an. Pure Liebe.

Mein Baby folgt seinem Instinkt und findet auf Anhieb die Brust. Er saugt direkt wie ein Profi, so als hätte er noch nie etwas anderes gemacht. Die nächste Stunde verbringen Max und ich damit unseren Schatz in allen Mini-Details in uns aufzusaugen. Wie perfekt und wunderschön er ist!

Genau eine Stunde nach der Geburt um 2:18 Uhr wird die Plazenta geboren. Ich stehe kurz danach das erste Mal auf, um zur Toilette zu gehen. Ute eilt mir hinterher: „Warte mal, soll ich dich nicht stützen?“ „Nö, mir geht es super“, entgegne ich. Kein Vergleich zu meiner ersten Geburt in der ich mich am Ende körperlich so verausgabt hatte, dass ich in der ersten Nacht nicht mal aufstehen konnte, weil ich so schwach und zittrig war. Diesmal habe ich durch den Fokus auf das Detail am Kraftort bereits während der Eröffnungsphase so viel Kraft gespart, dass ich jetzt direkt nach der Geburt das Gefühl habe, ich könnte Bäume ausreißen. Da ich natürlich weiß, dass ich meinen Körper trotzdem schonen muss, lege ich mich danach wieder brav ins Wohnzimmer.

Als Ute kurz darauf mit der U1 beschäftigt ist, meldet sich plötzlich das
Babyfon. Mein großer Sohn wird wach. Max holt ihn und mit verschlafenen Augen erblickt der große Zwerg das erste Mal seinen kleinen Bruder. Ein magischer Moment. Erst langsam fängt er an zu begreifen wer dieser winzige Mensch ist, der da vor ihm liegt. Minutenlang sagt er kein Wort, sondern lächelt nur glückselig und streichelt den kleinen Bruder ganz vorsichtig. Mein Mann und ich blicken uns lange und tief an. Wir wissen in diesem Augenblick beide: Nichts kann je größer sein als das Glück, diese beiden Wunder geschaffen zu haben.

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